Keine weiteren Repressionen gegen die Ärmsten

Der Ruf nach Studienbeschränkungen ist ungebrochen. Die neue Wissenschaftsministerin Karl bedient sich zwar in einer etwas verblümteren Ausdrucksweise als ihr Vorgänger, doch prinzipiell wird weiterhin versucht die Qualität der Universitären Lehre mittels Abschottung zu gewährleisten.

Was jedoch weitgehend nicht im öffentlichen Diskurs vorkommt ist, dass weitreichende Studienbeschränkungen schon seit Jahren existieren. Genauer gesagt seit dem Jahr 1866. In diesem Jahr verlangte das k.k. Polytechnikum, die heutige TU in Wien, erstmals die Reifeprüfung um aktiv am Studienbetrieb teilnehmen zu können. Als elitäres Instrument trennte sie die Streu vom Weizen. Ein Umstand, der, betrachtet man die neuen Zahlen der Statistik Austria, ungebrochen bis in das Heute weiter wirkt. So schaffen es 72 von 100 Sprösslingen deren Eltern eine akademische Ausbildung haben an die Universität, jedoch nur acht (!!) von 100 Kinder deren Eltern ausschließlich einen Pflichtschulabschluss vorzuweisen haben.

Was würden nun weitere Zugangsbeschränkungen bewirken? Fairer Ausgangschancen für Personen die in eine sozioökonomische Schicht geboren wurde in der das Kapital und das Umfeld nicht vorhanden ist um eine profunde Bildung zu gewährleisten? Mir scheint das Gegenteil. Zusätzlich würden diejenigen demoralisiert, die sich den Mut fassen und den beachtlichen Aufwand auf sich nehmen den dritten Bildungsweg zu gehen und die Reifeprüfung nachzuholen. Denn wenn ich nach Jahren auf der Abendschule möglicherweise immer noch nicht studieren kann was ich will, warum sollte ich diese ungeheure Belastung überhaupt auf mich nehmen?

Die undifferenzierte politische Herangehensweise an das Thema Bildung führt unweigerlich zum Supergau. Die Vision der neoliberalen Elite, Bildung vollkommen zu privatisieren und für ihresgleichen zu reservieren, kommt der Realität beängstigend nahe. So obskur diese Idee der kompletten Privatisierung auch scheinen mag, sie ist im politischen Diskurs präsent. So wird im CLUB UNABHÄNGIGER LIBERALER, eine Vereinigung für Liberale aller Richtungen und aus allen Parteien (http://members.chello.at/cultus/ ), regelmäßig im Zugegen-Sein diverser österreichischer Minister über solche Konzepte diskutiert. Im Dunstkreis solcher neoliberalen Eliten werden europaweit Ideologien übernommen, die gerade in Zeiten der Finanzkrise auf die Müllhalde der Geschichte geworfen werden sollten. Anstatt sich darauf zu konzentrieren gleiche Bedingungen für alle zu schaffen werden weitere Regulierungen angedacht.

Es stellt sich nun die Frage welche weiteren Faktoren die politischen Entscheidungträger davon abhalten die Unterfinanzierung im Bildungssektor zu beenden und gerechte Bildungschancen für alle Bevölkerungsschichten zu gewährleisten. Woher kommt der Widerstand die Bildungsmisere in Angriff zu nehmen? Ist es die Angst sich die politischen Finger zu verbrennen? Möglich. Warum etwas ändern , wenn wir auch so weiter wursteln können? Der typisch österreichische Weg wird beschritten. Angst, Ignoranz und Elitentum trifft hier aufeinander und vermischt sich zu einem höchst explosiven Cocktail politischer Gelähmteit, der vielen in unserer Gesellschaft die Zukunft kostet .

Verschleiert wird diese Praktik der Apathie in dem Vorurteile geschürt und verschiedene Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausgespielt werden. Die immense Bedeutung der Akademiker in unserer Gesellschaft wird nie thematisiert und die Universitäre Lehre rein auf die finanzielle Kosten reduziert. Dem Arbeiter wird suggeriert der Student ist realitätsfern und faul. Das Ressentiment des Proletariats gegenüber der akademischen Klasse wird kultiviert. Ein Ressentiment das entsteht da sich viele Menschen mit geringer Bildung um ihrer Chancen betrogen fühlen, da ihr sozialer Kosmos eine akademische Lehre fast unmöglich macht.



Die Zeit großer Veränderungen ist vorbei. Hinter uns liegt der Drang die Grundfesten zu erschüttern und die herrschende Hierarchien in Frage zu stellen. Dieser oder ein ähnlicher Eindruck entsteht, beschäftigt man sich dieser Tage mit der Verfasstheit unserer Gesellschaft.Der Glaube an die Unveränderlichkeit scheint gerade in Österreich zu höchster Blüte kultiviert.

Veränderung? Unmöglich. Alleine der ausgesprochene Gedanke daran bringt einen direkt in das Eck des Unverbesserlichen. Es stellt sich die Frage wie sich diese Hoffnungslosigkeit so vieler Köpfe und Herzen bemächtigen konnte. Hat uns das bedingungslose Funktionieren, in diesem schier endlosen Zyklus des Wachsens, die Menschlichkeit gekostet? Die Selbstbestimmtheit, eines der kostbarsten Güter jedes Individuums, scheint bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Zurückgeblieben ist eine Hülle, die wenn sie ihre Rolle beherrscht und sich dem System bedingungslos unterwirft, die Stufen der vermeintlichen Erfüllung nach oben steigt. Eine Hülle die sich mit Waren substituiert, da das wahre Glück so weit weg und unerreichbar zu sein scheint. So gesehen ist die Unverbesserlichkeit eine der größten Tugenden die man sich erhalten kann. Doch es ist nicht leicht in Tagen wie diesen.

Tierschützer werden verfolgt während Nationalratsabgeordnete den Holocaust verharmlosen und sich Rechtsradikale in der Hofburg die polierte goldene Türklinke in die Hand geben. Menschen werden in die Existenzlosigkeit abgeschoben. Verurteilt da sie es wagen ein Leben anzustreben, dass Du und ich täglich genießen.

Ach die sind doch alle selber schuld!“, dröhnt es mit rauer, verrauchter Stimme während der Bierkrug wieder Richtung Tisch gleitet und die Hand ansetzt das nächste Stück paniertes Kalbsfleisch an den Mund zu führen.

Schuld daran in einer Region dieser Welt geboren zu sein, die ausgebeutet wird um unseren Wohlstand zu erhalten? Schuld daran in einem Land zu leben das vollkommen isoliert vor sich hin vegetiert, da wir ihr Gesellschaftssystem nicht akzeptieren oder einfach nichts da ist das wertvoll genug ist ausgebeutet zu werden? Schuld daran vor Krieg, Hunger, Elend flüchten zu müssen? Ja dann sind die wohl alle selbst schuld.

Woher kommt dieses Bedürfnis alles auszugrenzen, das nicht jodelnd das Licht der Welt erblickt? Ist es das Prinzip des Nationalstaat selbst? Bringt uns Liberté, égalité, fraternité langsam aber sicher ins Verderben? Woher die Unfähigkeit zur Veränderung und Anpassung? Die Antwort ist wohl in einer anderen Unverbesserlichkeit zu suchen. Einer die mir den kalten Schauer über den Rücken treibt. Einer Unverbesserlichkeit die mit geschicktem Drehbuch bis heute auf der Bühne spielt, die vor 1945 erbaut wurde und der österreichisch Dramaturgie einen stetigen Rechtsdrall gibt. Ein Untier das nie ganz besiegt wurde und sich im Versuch durch stetiges Winden von seine Schuld zu befreien, immer weiter in den braunen Sud ein gräbt.

Wer die verschiedenen Instanzen des österreichischen Bildungssystems wie ich durchlaufen hat, kann sich dem etwas verschrobenen österreichischen Blick auf die eigene Geschichte nicht entziehen: Große Taten, große Helden, das Reich, in dem die Sonne nie untergeht. Mit Inbrunst wird, vor allem im ländlichen Bereich der Alpenrepublik, auf das Habsburgerreich zurückgeblickt. Es stellt die einzige Epoche dar in der die österreichische Staatsfläche dem gefühlten Selbstverständnis entsprochen hat. Ist diese Phase der Geschichtspredigt durchlaufen, wird die Erinnerung lückenhaft. Wortfetzen wie: „das erste Opfer Nazideutschlands!“, sind zu vernehmen. Austrofaschismus? Mittäter? – Fremdworte, die man so selten hören wird. Warum? Sie sind ersonnen von links linken Professoren der Orchideenstudien und werden weitergegeben an schmarotzende Studenten mit der puren Absicht, jeden einzelnen Österreicher mit Dreck zu besudeln. Ein Duktus der zwar absurd klingt, in der Stammtischkultur täglich kultiviert wird und immer wieder empor glimmt, bis in die Spitzen unseres Beamtenstaats.

Die Idiotie alles dessen ist wirklich Zeichen eines psychischen Nichtbewältigen, eine Wunde, obwohl der Gedanke an Wunden eher den Opfern gelten sollte.“ (Adorno)

Wer sich seiner Vergangenheit nicht stellt, wird sich auch der Zukunft nicht stellen können.

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